Veröffentlicht von Tobias Malirsch | ITTS GmbH
Wenn ich auf Veranstaltungen über KI im Bauwesen spreche, kommt irgendwann immer dieselbe Frage: „Kann die KI einfach unsere Projektdokumente lesen und uns sagen was drin steht?“
Die ehrliche Antwort ist: ja – aber mit einem entscheidenden Vorbehalt, über den kaum jemand spricht.

Der Test
Wir haben in den letzten Wochen ein strukturiertes Testszenario aufgebaut: ein fiktives, aber realistisch konstruiertes Bauprojekt in Düsseldorf – Wohn- und Geschäftshaus, Generalunternehmer-Vertrag nach VOB/B, zwei Jahre Bauzeit, mehrere Konflikte.
Die Dokumente umfassten alles was in einem realen Projekt vorkommt: GU-Vertrag, Leistungsverzeichnis, Bauzeitenplan, Bautagesberichte, Begehungsprotokolle, Sachverständigen-Gutachten, Nachtragskorrespondenz, Abnahmeprotokoll, Mahnschreiben.
Dagegen haben wir ein lokales RAG-System laufen lassen – vollständig auf eigener Hardware, keine Cloud, keine externen Dienste.
Die Testfragen waren in vier Schwierigkeitsklassen eingeteilt: von einfachen Faktenfragen bis zu Fragen die bewusst falsche Prämissen enthielten oder Informationen aus mehreren Dokumenten gleichzeitig verknüpfen mussten.

Was gut funktioniert hat
Faktenfragen waren erwartungsgemäß kein Problem. Auftragssummen, Termine, beteiligte Parteien, Vertragsklauseln – das System hat sauber geliefert.
Interessanter war die zweite Ebene: Fragen die mehrere Dokumente gleichzeitig erfordern. „Welche Argumente hat Partei A für ihre Position gebracht, und warum widerspricht der Sachverständige dem?“ – das sind Fragen die ein Mensch ohne gründliche Aktenkenntnis nicht in zwei Minuten beantworten kann. Das System hat sie konsistent richtig beantwortet, mit Quellenangaben.
Am meisten beeindruckt hat mich die Behandlung von Widersprüchen. Wenn zwei Dokumente denselben Sachverhalt unterschiedlich bewerten – was in Bauprojekten mit Mängelstreitigkeiten die Regel ist – hat das System beide Aussagen nebeneinandergestellt statt eine stillschweigend zu übernehmen. Das ist kein selbstverständliches Verhalten.
Was nicht funktioniert hat – und warum das wichtig ist
Die kritischsten Testfragen waren die mit falschen Prämissen. „Welche Vertragsstrafe wurde verhängt?“ – wenn keine verhängt wurde. „Ist der Schaden nachgewiesen?“ – wenn er nur behauptet wurde.
Ohne gezielte Konfiguration neigen Sprachmodelle dazu, die Prämisse einer Frage stillschweigend zu übernehmen und dann eine plausible Antwort zu konstruieren. Im Alltag ist das lästig. Im Sachverständigen- oder Rechtskontext ist es gefährlich.
Mit der richtigen Konfiguration hat das System diese Fallen zuverlässig erkannt und die falsche Prämisse explizit benannt bevor es geantwortet hat.
Der Unterschied lag nicht im Modell – der lag in der Instruktion.

Die eigentliche Erkenntnis
Nach diesem Test bin ich überzeugt: Die KI-Technologie für Dokumentenanalyse im Bauwesen ist vorhanden und funktioniert. Das ist nicht mehr die Frage.
Die Frage ist eine andere: Wie kommen die Daten rein?
Ein RAG-System ist so gut wie die Struktur seiner Eingabedaten. Baudokumente in der Praxis sind heterogen – handschriftliche Polier-Notizen, eingescannte PDFs, Excel-Tabellen, E-Mail-Anhänge, GAEB-Dateien. Jedes Format stellt andere Anforderungen an die Vorverarbeitung.
Wer das ignoriert und Dokumente ungefiltert in ein System wirft, wird enttäuschende Ergebnisse bekommen – und daraus fälschlicherweise schließen, dass die Technologie nicht reif ist. Sie ist reif. Aber sie verlangt Sorgfalt beim Aufbau.
Was das für die Praxis bedeutet
Wir arbeiten aktuell an einem Ansatz für die strukturierte Aufbereitung von Bauprojekt-Dokumenten als Grundlage für KI-gestützte Analyse – mit besonderem Fokus auf den Sachverständigen- und Projektsteuerungs-Kontext.
Wenn Sie in diesem Bereich aktiv sind und Interesse an einem Austausch haben: ich freue mich über Nachrichten.
Tobias Malirsch ist Prokurist und Teamleiter bei der ITTS GmbH in Düsseldorf. ITTS berät mittelständische Unternehmen in der Bau- und Immobilienwirtschaft zu IT-Infrastruktur und KI-Implementierung.


Comments are closed